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Sternstunden der Eidgenossenschaft





Es gibt Zeiten, in welchen die Geschichte eines Landes mehr in den Vordergrund rückt, und es gibt Zeiten, in welchen diese mehr in den Hintergrund tritt. Wir spüren vielleicht, dass dies heute eine Zeit ist, in welcher die Geschichte wieder einmal etwas mehr in den Vordergrund rückt, aus welchen Gründen auch immer (wahrscheinlich hat dies auch mit gewissen Schwierigkeiten verschiedenster Art zu tun, auch gewissen kulturellen und soziologischen Schwierigkeiten, welche das Land heute hat). Eine Zeit also, u.a., der Auseinandersetzung mit der Geschichte auch; daher hier auch diese kleine Geschichtsdarstellung, anhand von zehn Sternstunden der Eidgenossenschaft. Siehe auch die 'Daten'-Seite mit Daten zur Schweizer Geschichte (dort sind neben den Sternstunden auch die Schwachpunkte aufgeführt).



Die Gründung der Eidgenossenschaft. Die Gründung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (im August) 1291 ist eine höchst mythische Sache, trotzdem gibt es auch klare historische Anhaltspunkte. Kaum eine andere Nation der Welt hat einen derart bedeutenden Gründungsmythos. Diese Gründung erfolgte nicht nur auf der Basis einer gemeinsamen Verteidigung gegen aufdringliche äussere Gegner, sondern es gab auch noch – wie könnte es auch anders sein? – einen ebenso bedeutenden handfesten wirtschaftlichen Grund: die Eidgenossen wollten sich vermutlich auch gemeinsam die Vorherrschaft über die eben erst erschlossene (zu jener Zeit sehr bedeutende) Gotthardroute sichern. Eine Eidgenossenschaft hatte immerhin auch den Vorteil, dass es keinen grösseren Streit unter ihnen deswegen geben würde. Dem deutschen König war die Sache so wichtig (1230 wurde der Gotthard für den Verkehr geöffnet), dass die Urner u.a. dafür den Freibrief* bekamen (1231, dann auch die Schwyzer 1240, erst 1309 Unterwalden – die Schweizer hatten auch wertvolle Söldnerdienste für den König geliefert). Ebenfalls sehr bedeutend war wohl der Tod des mächtigen Rudolf von Habsburg (im Juli 1291, welcher im Februar 1291 noch die Schwyzer Unabhängigkeit garantiert hatte: nach seinem Tod trat eine unsichere Herrschaftssituation ein). Zum Erfolg der Gründung gehörte auch das baldige und stetige Wachstum der Eidgenossenschaft in den kommenden Jahrhunderten.

* Der Begriff von einem 'Freibrief' oder von einer 'Reichsfreiheit' ist hier etwas verfänglich: damit waren diese Regionen zwar frei von der Herrschaft der Habsburger, an welche sie verpfändet waren, nicht aber vom deutschen König, welcher diese Regionen 'freikaufte', vielmehr waren sie nun direkt seinem Schutz unterstellt (und ab 1273 wurde ja ein Habsburger König des Reiches – einigermassen komplizierte Verhältnisse also im Alten Europa, wo sich ja die Herrschaftsverhältnisse dauernd wieder änderten, und daher können diese Freibriefe auch nur beschränkt für die Herausbildung der Eidgenossenschaft angeführt werden: immerhin zeigen sie aber, dass es ein gewisses oder grosses Bestreben zur Unabhängigkeit damals gab). Grund genug aber jedenfalls, ein möglichst rasches Wachstum der Eidgenossenschaft anzustreben, um einen eigenen Schutz aufbauen zu können, was denn ja auch gemacht wurde. Völkerrechtlich unabhängig war die Schweiz eigentlich erst 1648, mit den Bestimmungen beim Wesfälischen Frieden nach dem Dreissigjährigen Krieg in Europa (auch das ist einigermassen interessant: man gründete also nicht einen Staat, welcher von Beginn an unabhängig war, sondern man erzwang einen eigenen Staat quasi im Laufe der Zeit: so muss man das wahrscheinlich sehen [und das ist natürlich mit ein Grund dafür, dass Freiheits- und Unabhängigkeitswerte am Beginn dieser Schweiz eine so grosse Bedeutung hatten: es war eben kein leichter, sondern ein relativ schwieriger Weg, diesen eidgenössischen Staat zu begründen, mitten in Herrschaftsgebieten von grossen Kaisern, Königen, Fürsten und anderen Adelsherrschaften rundherum]).

P.S. Die alten Mythen werden heute teils angezweifelt, was allerdings nicht neu ist (so gab es etwa bereits im 18. Jahrhundert eine Kritik zum Tell-Mythos). Selbst die Echtheit des Bundesbriefes wird angezweifelt: es erscheint auch recht seltsam, dass dieser erst 1758 in einem Schwyzer Archiv gefunden worden und vor 1600 nirgends erwähnt sein soll*. So gab es auch verschiedene Altersüberprüfungen des Bundesbriefes, von welchen manche behaupteten, die Altersbestimmung sei falsch; die offiziellste Prüfung stammt indessen von der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH (Institute for Particle Physics IPP), und diese weist die
Echtheit des Bundesbriefes von 1291 nach. Was soll man zu den alten Mythen sagen? Es ist gut möglich, dass einiges dabei mythisch übertrieben ist: wir können das heute kaum beurteilen. Vernünftig verwendet, sind aber diese alten Mythen sicher nicht schlecht, sondern sie erfüllen wahrscheinlich ihren Zweck. Dass manche heute so ihre liebe Mühe mit den alten Mythen haben ist vielleicht verständlich aber nicht unbedingt zwangsläufig (kleine Satire zur Schweizer Geschichte).

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Die alten Schlachterfolge. Soll man heute noch stolz sein auf die alten Schlachterfolge? Das wäre sicher vermessen und daneben. Natürlich aber nehmen diese Ereignisse in der Geschichte immer noch einen relativ grossen Platz ein – etwa die Schlacht von Morgarten 1315 oder jene von Sempach 1386. Viele kennen aus der alten Schweizer Zeit fast nur noch diese Ereignisse. Bis zur 1515 verlorenen Schlacht bei Marignano gegen die Franzosen, galten die Schweizer Heere als nahezu unbesiegbar (nach dieser Niederlage folgte die Aera der Schweizer Neutralitätspolitik). In den bedeutendsten früheren bzw. ersten Schlachten ging es jeweils gegen die Habsburger. Manchmal werden diese noch heute mythischerweise als Schweizer Feinde bezeichnet; das hat aber verschiedene fragwürdige Aspekte (besonders, wenn man die Habsburger mit den Österreichern gleichsetzt). Die habsburgische Ausgangsburg liegt in der heutigen Schweiz: im Örtchen Habsburg im Kanton Aargau. Das heisst: nach heutigem Stand der Dinge waren die Habsburger eigentlich so etwas wie ausgewanderte 'Schweizer' (nach den Schlachten gab es auch den Friedensvertrag mit Österreich 1355, und zudem waren es ausgerechnet die Zentral- und Innerschweizer Orte Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug, welche im Verlauf der Kappeler Religionskriege gegen die übrigen Eidgenossen 1529 ein Bündnis mit Österreich schlossen ['Christliche Vereinigung']*). Die alten Schlachten waren sicher wichtig und bedeutend zur Sicherung bzw. Absicherung der alten, noch sehr kleinen Eidgenossenschaft.

* Der Vergleich zwischen der Schweiz und Österreich ist aber v.a. aus einem anderen Grund interessant: diese beiden Länder bilden nämlich zusammen so etwas wie das Herz Europas. Manchmal wird die Schweiz alleine damit bezeichnet – aufgrund ihrer zentralen Lage und ihrer Viersprachigkeit – geografisch betrachtet aber muss man (mindestens) diese beiden Länder dafür zusammennehmen (und seit dem Zusammenbruch des osteuropäischen Kommunismus ist natürlich die Bedeutung von Wien im östlicheren Europa wieder gestiegen).

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Der Kappeler Landfrieden. Wenn es in der frühen Eidgenossenschaft grossen Streit gegeben hat, so war dafür nicht immer aber oft die Religion verantwortlich. Besonders zur Zeit der Reformation gab es – wie teils auch im übrigen Europa – schlimme Glaubenskriege zwischen den Katholiken und den Protestanten (und da die Schweizer im Streiten und Widerstreiten zuweilen recht tüchtig sein können, waren diese religiösen Konflikte auch teils sogar heftiger als im übrigen Europa). Als diese Überhand zu nehmen drohten, verbündeten sich die katholischen Orte mit Österreich, was einen Ausgleich der Kräfte bewirkte – festgehalten im Kappeler Landfrieden 1531. In diesem wurde (nach einem militärischen Sieg der Katholiken) der Streit beigelegt – auch dies mit einem mythischen Hintergrund: bei der berühmten Kappeler Milchsuppe 1529 – und die konfessionelle Spaltung des Landes wurde anerkannt. Das Problem waren v.a. die Minderheiten: die Leute sollten je ihren Glauben behalten dürfen und die konfessionellen Minderheiten sollten in den verschiedenen Landesteilen geschützt werden. Noch war dies allerdings lange nicht das Ende der Religionskriege in der Schweiz, welche weitergingen bis zum Sonderbundskrieg (1847 – d.h. während über 300 Jahren lebte die Schweiz, vor der Gründung des Bundesstaates, in einem mehr oder weniger deutlich sich manifestierenden Bürgerkriegszustand). Immerhin aber ist diese Kappeler Milchsuppe mythisch bedeutend geblieben: als ein Symbol der Rückkehr zur Eidgenossenschaft nach einem grossen Streit. Natürlich sind solche Symbole des Friedens besonders wichtig und bedeutend, die Eidgenossenschaft ist ja auch konzipiert als ein Bund, der auf Friedensordnungen zielt.

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Das Schweizer Wirtschaftswunder. Dieses ist nicht vorwiegend im 20. Jahrhundert anzusiedeln, mit dem heutigen Dienstleistungssektor, sondern es fand schon sehr viel früher statt: "Ende des 18. Jahrhunderts war nach Meinung der Zeitgenossen die Schweiz das am meisten industrialisierte Land des europäischen Festlandes, was heisst, dass sie weltweit nach England den zweiten Rang belegte." (Lorenz Stucki: "Das heimliche Imperium – wie die Schweiz reich wurde", 1968*). Es war die Zeit der Weber, Sticker und Färber – also die Zeit der Textilindustrie im Anfang der industriellen Entwicklung in Europa (die Textilindustrie war v.a. im Osten der Schweiz sehr bedeutend, während im Westen v.a. die Uhrenindustrie Fuss fasste). Die Schweiz war damals noch gar kein wirklicher politischer Staat; sie war zwar einer der ersten modernen demokratischen Nationalstaaten, hatte aber zuvor weniger staatliche Strukturen als andere Länder. Keinen oder kaum einen Staat zu haben, bedeutete (im Gegensatz zu anderen Ländern) sowohl eine freiere Hand im internationalen Handel wie auch in der nationalen Produktion. Dieser Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs ging eine Zeit der wirtschaftlichen Armut voraus: die Schweiz war ein ländliches, eher ärmeres Land, und so mussten auch viele Schweizer als Söldner für fremde Kriegsmächte dienen, andere wiederum wanderten aus und suchten auf andere Art und Weise im Ausland ihr Glück (während auch viele der Ex-Söldner sich nach ihrer Dienstzeit im Ausland wirtschaftliche Existenzen aufbauten). Diese relativ vielen Auslandschweizer waren dafür verantwortlich, dass die Schweizer Wirtschaft auch und gerade im immer wichtiger gewordenen Exportgeschäft eine grosse Bedeutung hatte.

* Ein aktuelleres Werk über die Schweizer Wirtschaftsgeschichte ist etwa "Wirtschaftswunder Schweiz" (2011) von R. James Breiding und Gerhard Schwarz. Das sehr intelligent geschriebene Buch von Stucki ist aber trotzdem weiterhin zu empfehlen. Bücher über die Schweiz haben derzeit Hochkonjunktur, während die meisten solchen Werke früher kaum beachtet wurden.

P.S. Das Datum 1714 bezieht sich hier übrigens auf die Einführung der Glarnerinnen durch Zürcher Baumwollspinnerinnen, welche ein Diakon namens Heidegger heimlich kommen liess, in die neuen industriellen Techniken, denn Glarus stand nachmalig an der Spitze der frühen industriellen Wirtschaftsentwicklung in der Schweiz (und gilt daher auch als herausragendes Beispiel derselben, zudem war gerade die technische Entwicklung in ländlichen Gebieten besonders wichtig und auch bedeutend! Der damals grösstenteils wenig begüterte landwirtschaftliche Stand besserte sich damit, d.h. mit industrieller Heimarbeit, seine Lebensgrundlagen auf: im Westen in der Uhrenindustrie, im Osten in der Textilindustrie; nicht wenige Bauern hatten irgendwo in einem Keller so ihre eigene kleine Heim-Fabrik, quasi, in welcher die gesamte Familie mitarbeitete).

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Die Gründung des Bundesstaates. Im späteren 18. und früheren 19. Jahrhundert begannen – vor, mit und nach der Besetzung des Landes durch die Franzosen – die grössten innenpolitischen Wirren, welche die Schweiz bisher erlebt hat. Man spürte, dass die politischen Strukturen für die kommende Zeit nicht mehr genügen würden, und man suchte nach einer politischen Staatsform für die Schweiz. Eine grosse Rolle spielte dabei einerseits der alte religiöse Konflikt zwischen den Reformierten und den Katholiken, andererseits der ewige Zwist zwischen den Föderalisten und den Zentralisten. 1848 setzten sich Letztere schliesslich mit der Gründung eines Bundesstaates – gegenüber dem vorherigen recht lockeren Staatenbund der Kantone bzw. Orte – durch. Es waren die neuen liberalistischen Kräfte, die im religiösen Sonderbundskrieg 1847 gewonnen hatten, welche diese eigentliche Staatsgründung einleiteten und durchsetzten; dem Schweizer Föderalismus wurde aber weiterhin ein grosser Raum zugestanden. Die Schweiz hatte einige Jahre nur zuvor ein vollkommen neues Gesicht bekommen: Wiener Kongress 1815 und ein paar Jahre zuvor waren die Ostschweiz, inkl. Graubünden, die Romandie und das Tessin hinzu gekommen. Die Schweiz war also auf einen Schlag viersprachig bzw. multikulturell geworden. Angesichts dieser grossen kulturellen Veränderungen im früheren 19. Jahrhundert ist die Staatsgründung erstaunlich, und umso erstaunlicher sind auch die guten Perspektiven, welche dieser neue Staat danach ausspielen konnte, inkl. der Begründung einer Direkten Demokratie.

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Das Rote Kreuz. Eigentlich ist das Rote Kreuz nicht eine Staatssache, trotzdem wird die Schweiz oft damit in Verbindung gebracht (nicht zuletzt auch natürlich dank des Wappens des Roten Kreuzes, welches dasselbe ist wie das Schweizer Wappen, nur mit vertauschten Farben). Im Vordergrund bei der Gründung des Roten Kreuzes, welches ursprünglich ein Hilfswerk für Kriegsopfer bzw. Verwundetenpflege war (und heute allgemein für Katastrophenhilfe gilt), steht natürlich die Person von Henry Dunant (1828-1910), obwohl er es 1863 unter dem Namen 'Komitees der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege' (seit 1876 Internationales Komitee des Roten Kreuzes IKRK) in seiner Heimatstadt Genf mit drei weiteren Bürgern (Appia, Maunoir und Moynier) zusammen gründete. Dunant, welcher 1859 als Geschäftsmann unvermittelt in die Schlacht von Solferino in Italien geraten war und sich über die Kriegsgräuel und die schlechte medizinische Versorgung entsetzt hatte, aber war der Hauptinitiant. Das Rote Kreuz steht international irgendwie mitbedeutend für die Schweiz des 20. Jahrhunderts, eine Schweiz, in welcher ferner auch die UNO und das IOK ansässig wurden, und die auch bekannt war für ihre diplomatischen Dienste und ferner natürlich für ihre Direkte Demokratie. Daher kann man die Gründung des Roten Kreuzes sicher symbolisch mit zu den Sternstunden der Schweiz zählen; in seiner Abschiedsrede vor dem Parlament meinte Bundesrat Merz 2010: "Im Lande von Pestalozzi und Dunant besitzt Solidarität Tradition." Er nannte damit die zwei vermutlich bedeutendsten Humanisten der Schweizer Vergangenheit.

Das Rote Kreuz (und seine Erfolgsgeschichte) war auch ein Vorbild für die Gründung vieler anderer Hilfs- und Schutzorganisationen in der Schweiz (u.a.): Blaues Kreuz 1877, Pro Juventute 1912, Pro Senectute 1917, Pro Infirmis 1920, Solidar Suisse 1932 (ehemals Proletarische Kinderhilfe und Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH), Winterhilfe Schweiz 1936 (ehemals Schweizerische Winterhilfe für Arbeitslose), Schweizer Berghilfe 1943, Kinderdorf Pestalozzi 1945, Chaîne du Bonheur/Glückskette 1946, Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz HEKS 1946, Schweizerische Rettungsflugwacht Rega 1952, Helvetas 1955, terre des hommes 1959, Brot für alle 1961 (ehemals Brot für Brüder), Fastenopfer 1961, World Wildlife Fund WWF 1961, Erklärung von Bern 1968, Swissaid 1969 (ehemals Schweizer Spende 1944, Schweizerische Europahilfe SEH 1948 und Schweizerische Auslandhilfe SAH 1956), SOS Beobachter 1982 (ehemals Stiftung Weihnachtsaktion des Schweizerischen Beobachters), Hiob-International 1984, Sozialwerke Pfarrer Sieber 1989, Max Havelaar-Stiftung 1992, Spitex 1995 (Gründung des Dachverbandes für Spitalexterne Kranken- und Gesundheitspflege). In der Schweiz auch tätige, aber im Ausland gegründete Hilfsorganisationen (u.a.): Amnesty International, Caritas, Dargebotene Hand, Greenpeace, Médecins Sans Frontières, The Salvation Army/Heilsarmee (ebenfalls relativ alt: gegründet 1865), United Nations International Children’s Emergency Fund UNICEF, World Vision.

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Die Direkte Demokratie. Die Schweiz ist das einzige Land, welches auf Staatsebene eine Direkte Demokratie besitzt. Aber was bedeutet das überhaupt bzw. woher kommt dieser Begriff? Die grösste Bedeutung haben dabei zwei politische Schweizer Institutionen, die im 19. Jahrhundert, in den Anfängen des Bundesstaates, begründet wurden: die Einführung des Referendumsrechts 1874 und die Einführung des Initiativrechts 1891. Das Volk kann in der Schweiz über die Parlamentswahlen hinaus politisch mitbestimmen: es gibt gewisse Dinge, welche die Regierung dem Volk zur Abstimmung vorsetzen muss, andererseits gibt es auch die Möglichkeit von Initiativen, welche direkt aus dem Volk heraus kommen. Das ist die Direkte Demokratie (und nicht mehr eigentlich und nicht weniger als das). Man sollte diese weiterführende Demokratie, die über eine reine Wahlrepublik hinaus geht, nicht über- und nicht unterschätzen. Sie bedeutet nicht, dass man die Volksrechte nicht weiter ausbauen könnte, sie bedeutet auch nicht (und schon gar nicht), dass das Volk immer die richtigen Entscheidungen trifft, und sie bedeutet ferner auch nicht, dass das soziologische Gefüge im Volk perfekt funktioniert. Es bedeutet nur, aber immerhin, dass man hier ein bisschen mehr Demokratie hat als anderswo. Und das gehört natürlich absolut zu den Sternstunden. Die Schweiz gilt deswegen zuweilen auch als internationales Vorbild in Sachen Demokratie. Im Zusammenhang mit der Einrichtung der Direkten Demokratie steht auch die Einrichtung der modernen Sozialwerke (die heutige Gesellschaft basiert politisch v.a. auf einer liberalistischen, demokratischen und sozialistischen Bewegung).

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Der Bau des Gotthardtunnels. Die Alpen haben für die Schweiz nicht nur eine symbolisch-geografische, sondern auch eine wirtschaftliche Bedeutung. Diese ergibt sich weniger aus der reinen Alpenwirtschaft, und vielmehr aus der Alpenüberquerung. Die Alpen sind natürlich ein wichtiges und gewaltiges Verkehrshindernis auf der Nord-Süd-Achse des europäischen Binnenverkehrs. Und daher waren auch alle Gotthardverkehrsmassnahmen besonders wichtig für die Schweiz. 1230 die Öffnung des Gotthards für den Verkehr über die neu gebaute Brücke über die Schöllenenschlucht (auch: 'Teufelsbrücke' – ein grosses Wagnis für die damalige Zeit), 1595 die Ersetzung dieser Holzbrücke durch eine steinerne, der abschnittweise Ausbau des Gotthardweges, 1830 die Vollendung der Gotthardstrasse und schliesslich 1882 die Einweihung des Gotthardtunnels für den Bahnverkehr. Im Vergleich: die Österreicher waren beim ebenfalls bedeutenden Brennerpass mit dem Strassenausbau früher dran (1772), sind aber erst heute am Bau eines Bahntunnels (erste Machbarkeitsstudien 1989, geplante Fertigstellung 2025-2027 – eine Brennerbahn gibt es allerdings bereits seit 1867). Ein grosses und bedeutendes Bauwerk also zu jener Zeit, mit einer grossen Bedeutung für die Schweizer Exportwirtschaft (und mit einer grossen Symbolik für die Schweizer Wirtschaft überhaupt).

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Die weltkriegslose Schweiz. Der Schweizer Schriftsteller Dürrenmatt hat sich ausgiebig mit diesem Thema beschäftigt: die Schweiz war immer – in der neueren Zeit – davongekommen (so bezeichnete es Dürrenmatt), musste sich dann aber mitunter auch als Kriegsgewinnler bezeichnen lassen. Teils wurde sie sogar auch etwa verdächtigt, mit dem Naziregime in Deutschland kooperiert zu haben – wie weit diese Kooperation politisch und ökonomisch ging, ist umstritten (politisch hat es in der Schweiz kein relevantes Faschistentum gegeben [oder: dieses bzw. Ansätze davon wurden so geschickt niedergehalten, dass es im Vergleich mit anderen europäischen Staaten jener Zeit nur eine relativ kleine Rolle spielte]). Sicher versuchte man, mit allen möglichen Mitteln den Krieg gegen die damalige deutsche Kriegsmaschinerie zu vermeiden. Die aussenpolitische Situation war für die Schweiz im Zweiten Weltkrieg so schlimm, dass sie kaum hätte schlimmer sein können – man befand sich als kleines, neutrales Land mitten unter jenen Ländern, welche die Hauptkriegsgegner, schon im Ersten Weltkrieg, waren: Deutschland und Frankreich (dazu kamen die zu jener Zeit ebenfalls faschistisch ausgerichteten Staaten von Italien und Österreich sowie das ebenfalls besetzte Frankreich) – die Schweiz war als neutrales und friedliches Land eingekesselt von Nationen, die sich mitten im schlimmsten Krieg der Weltgeschichte befanden. Dass die Politik in einer solchen Zeit nicht absolut ohne Fehl und Tadel sein kann, ist verständlich – die Schweizer haben sich aber relativ gut aus dieser maximal schwierigen Situation herausgewunden, was eine politisch relativ bedeutende Tatsache und Leistung an und für sich ist. Einmalig auch: seit rund 200 Jahren besitzt die Schweiz eine konstante Landesgrenze, und dies eben durch zwei schlimme Weltkriege hindurch (1919 wurde ein Anschlussbegehren des Vorarlbergs vom Bundesrat abgelehnt mit der Begründung der [sprach-] kulturellen und religiösen Ausgewogenheit).

Die Schweiz hat an den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert nicht aktiv mitgemacht, obwohl sie je mitten im Zentrum des Kriegsgeschehens lag (es gab zwar Mobilmachungen und Aktivdienste aber keinen eigentlichen bzw. grösseren Kriegseinsatz [trotzdem erlebte die Schweiz diese Kriege natürlich sehr hautnah mit und war ständig davon bedroht, auch in das Kriegsgeschehen verwickelt zu werden]). Rein theoretisch gedacht, hat die Schweiz (als Nation) seit 1515 mit keinem anderen Staat mehr Krieg geführt; seit dieser Zeit gibt es auch den Grundsatz der Neutralität in der Schweizer Aussenpolitik (der letzte Krieg der Schweiz war ein landesinterner Bürgerkrieg: der Sonderbundskrieg 1847; zu erwähnen ist aber etwa auch die Okkupationszeit unter Napoleon ab 1798, wo natürlich in der Schweiz Krieg geführt wurde – sogar von Franzosen, Österreichern und Russen gegeneinander, so dass die Schweiz in jener Zeit für kurze Zeit sogar zu einem Hauptkriegsschauplatz in Europa wurde – allerdings gab es damals, glaube ich, keinen nennenswerten Widerstand gegen die Franzosen durch gesamteidgenössische Truppen [die Eidgenossenschaft war in jener Zeit auch u.a. durch zahlreiche religiöse Bürgerkriege ziemlich zerstritten und uneinig*, was zeigt, dass sie durchaus in verschiedener Hinsicht sehr verschiedene Zeiten durchlebt hat, und diese ganzen Ereignisse in der napoleonischen Zeit haben sich natürlich nachhaltig ausgewirkt auf das Schweizer Verständnis in der nachnapoleonischen Zeit]).

* Oder man kann es auch anders sagen: der für damalige Verhältnisse hervorragenden Staatsorganisation von Napoleon hatten die Schweizer mit ihrer ungenügenden Organisation aus der Alten Eidgenossenschaft wenig entgegenzusetzen. Ferner natürlich kann man Napoleon Bonaparte mit einigen guten Argumenten als Mitbegründer der modernen Schweiz betrachten (er sah sich übrigens selber als Retter der Schweiz, wie aus seiner
Mediationsankündigung 1802 hervorgeht, wo er vor einem drohenden Niedergang der Schweiz spricht, die er, ein äusserst ordnungsbewusster Staatsmann, als 'alte Nation' davor bewahren wollte [wie hoch in diesen Aussagen der Propagandawert ist, und wie hoch ein echtes Interesse Napoleons an der Schweiz, vermag ich nicht ganz genau zu beurteilen: es hat hier wahrscheinlich beides mitgespielt]). Nach den schlimmen Erfahrungen in der napoleonischen Zeit war es für die Schweiz natürlich wichtig, beim Wiener Kongress 1815 ihre Neutralität völkerrechtlich verankern zu können; und den europäischen Grossmächten kam dies auch nicht ungelegen in jener Zeit (die Schweiz wurde zur gegenseitigen neutralen Pufferzone in einem arg kriegsgeschädigten Europa). Die Zeit etwa vor dem französischen Einfall 1798 und dem Wiener Kongress 1815 und dem Sonderbundskrieg 1847 sowie schliesslich der Gründung des Bundesstaates 1848 gehört aussen- wie innenpolitisch zu den wichtigsten Phasen der Schweizer Geschichte überhaupt, daher kann man hier ein paar Worte über diese Zeit anbringen. Gleichzeitig war es auch eine Zeit voller politischer Wirren, schlimmer wahrscheinlich eben sogar als während der beiden Weltkriege.

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Die beiden grossen Dichter. Nicht alle Schweizer würden vermutlich die grossen Dichter Frisch und Dürrenmatt zu den grössten Sternstunden der Schweiz zählen (und sie als 'Nationaldichter' zu bezeichnen wäre verwegen). Die Intellektuellenkritik war zu jener Zeit in der Schweiz noch fast schlimmer, als sie heute ist – und Schriftsteller wurden nicht selten als linke Kommunisten abgetan (Stichwort: 'Moskau einfach'). Zugegeben: die beiden grössten Schriftsteller, welche die Schweiz je hatte, waren überaus kritische Geister. Frisch mit seiner trockenen Generalkritik und Dürrenmatt mit seiner grotesken Alleszermalmerei – fürwahr keine einfachen Schriftsteller. Aber grosse – sie waren wohl zu ihrer Zeit nach Brecht die grössten Theaterautoren im gesamten deutschsprachigen bis sogar europäischen Raum (dabei profitierten sie auch von einer gewissen Schwäche in der deutschen Schriftstellerei nach dem Zweiten Weltkrieg). Den Literatur-Nobelpreis bekamen sie wohl nur deswegen nicht, weil zuvor schon zwei Schweizer damit ausgezeichnet worden waren: Spitteler 1919 und Hesse 1946 (je just nach den beiden Weltkriegen, notabene), und weil man beide hätte auszeichnen müssen, weil sie irgendwie gleich bedeutend waren – das war dem Nobelpreiskomitee dann wohl doch zuviel des Guten. Wer die grössten Sternstunden in der Schweizer Kunst und Kultur sucht, kommt an Frisch und Dürrenmatt aber sicher nicht vorbei.

P.S. Als Datum habe ich hier das Publikationsdatum des Physiker-Dramas von Dürrenmatt genommen, wahrscheinlich das weltweit grösste und bedeutendste literarische Werk eines Schweizers überhaupt. Nicht zu vergessen dabei aber, dass Johanna Spyris Heidi-Roman (1880/1881) – vor allen Büchern aller grossen deutschen Schriftsteller aller Zeiten! – bis heute das weltweit meistverkaufteste belletristische Buch eines deutschsprachigen Autors ist. Spyri gehört zusammen mit Gotthelf, Keller oder Meyer zu den grossen Schweizer Autoren des 19. Jahrhunderts, dessen Autorendichte in der Schweiz ebenso bemerkenswert war wie das 20. Jahrhundert (mit weiteren Grössen wie Loetscher, Muschg oder Bichsel, u.a.).

Wenn in der heutigen Schweiz grundsätzliche Demokratie- und Systemfragen vermehrt wieder neu gestellt werden, so muss man sagen, dass diese Diskussion eigentlich mit diesen beiden grossen Schriftstellern begonnen hat – auch das ist eines ihrer Verdienste, wenn nicht sogar ihr Hauptverdienst: dass man kritisch bleibt und die grundsätzlichen Fragen immer wieder neu stellt, auch in einer Direkten Demokratie, und auch bei wirtschaftlich recht guten Verhältnissen – wie es zumindest zur Zeit von Frisch und Dürrenmatt ja eigentlich der Fall war, welche, paradoxerweise vielleicht, ja kritische Dichter und Denker in der goldenen Zeit quasi waren (weitere bedeutende Kritiker im 20. Jahrhundert waren etwa Gottlieb Duttweiler, Mani Matter oder Niklaus Meienberg, u.a.). Sicher eine Sternstunde für ein Land, wenn gerade in einer solchen Zeit auch die kritische Kunst in diesem Mass wahrgenommen wird. Eine sehenswerte Perle vergangenen schweizerischen TV-Schaffens:
Frisch im Gespräch mit Furgler (1978): zwei Schweizer Monumente ihrer Zeit, in Szenen aus einer anderen Zeit: sicher auch heute noch interessant und sehenswert. Und noch mehr von Frisch: eine Diskussion über den Text 'Demokratie – ein Traum?' (Diskussion mit dem Publizisten Pilet und dem Philosophen Saner, 1989, unter dem Titel "Demokratie im Verfall? Eine Diskussion" (zugegeben: es ist politisch eine Mitte-Links- bis Ganz-Links-Diskussion, aber trotzdem sehr interessant und wertvoll). Diesen Beitrag zu finden und zu hören, war für mich auch deshalb sehr interessant, weil hier verschiedene Dinge über die Demokratie und die Gesellschaft schon angetönt oder ausgesprochen sind, die ich mir auch selber überlegt hatte). Beides sind längere Beiträge, die ein bisschen Zeit und Aufmerksamkeit erfordern. Gegeben seien hier auch noch die beiden grossen Abschiedsreden der beiden grossen Dichter: die Frisch-Rede 1986 an den Solothurner Literaturtagen und die Dürrenmatt-Rede 1990 (Teil 2) zur Verleihung des Gottlieb-Duttweiler-Preises an Vaclav Havel. Ich bin nicht mit ganz allem einverstanden, aber das muss man auch nicht sein: interessant sind diese beiden grossen intellektuellen Figuren der Schweizer Literatur des 20. Jahrhunderts allemal; und umso interessanter sind sie, weil seit ihrem Abgang in der Schweiz eine als riesig zu bezeichnende intellektuelle Lücke entstanden ist. Das macht sie noch doppelt so gross, als sie sowieso schon sind. Frisch zeigt sich hier als sehr brillanter Rhetoriker (daher gehören vermutlich auch gerade seine Tagebücher zu seinen interessantesten schriftlichen Veröffentlichungen), ebenso wie Dürrenmatt der geniale Dramatiker war. Grosse Romanschriftsteller waren beide übrigens nicht (im Vergleich etwa mit deutschen Autoren dieses Genres), grossartige Schriftsteller aber allemal; zusätzlich profitierten sie auch noch von einer gewissen Schwäche in der deutschen Literatur und Kultur vermutlich nach dem Zweiten Weltkrieg (es war auch die ideale Zeit für Schweizer Künstler in Deutschland gross herauszukommen, und diese beiden nützten diese Chance, was wohl auch wesentlich zu ihrem Weltruhm beigetragen hat).

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Swiss International: Die Relativitätstheorie, das World Wide Web und eine weltpolitisch relevante Gipfelkonferenz.

Dies sind weitere, Schweizer Höhepunkte im 20. Jahrhundert mit einem internationalen Bezug – oder die andere Schweiz: ein Platz für Weltgeschichte, Wissenschaft und Technik. Die bedeutendsten Ereignisse im 20. Jahrhundert waren in der Schweiz natürlich eigentlich die beiden grossen wissenschaftlichen und technischen Highlights: die Relativitätstheorie 1905 von Einstein in Bern und das World Wide Web 1989-1991 von Berners-Lee am CERN in Genf. Diese beiden Ereignisse haben die Welt verändert und werden vielleicht für immer, jedenfalls für lange Zeit, dafür sorgen, dass die Schweiz ein weltweiter Faktor ist (auch wenn es Ausländer waren, die das hier vollbracht haben). Trotzdem werden diese Ereignisse gewöhnlich nicht als typisch schweizerisch betrachtet, weil sie von internationalen Wissenschaftlern stammen. Jedenfalls wenn man an grosse Personen der Kultur in der Schweiz im 20. Jahrhundert denkt, kommen einem zuerst die Namen von Frisch und Dürrenmatt in den Sinn (und erst in einer zweiten Überlegung vielleicht Relativitätstheorien und weltweite Netze). Auch (welt-) politisch war die Schweiz im 20. Jahrhundert sehr bedeutend, das zeigt die Einrichtung des Völkerbundes 1920 in Genf (während sich die UNO 1945 in New York niederliess, Genf aber ein wichtiger Nebenschauplatz auch der UNO blieb*) sowie die verschiedenen internationalen Friedenskonferenzen, etwa jene von Lausanne (1912/13 und 1922/23), Locarno (1925) oder Genf (1955), am Bedeutendsten war aber wohl jene von 1985, weil sie nicht nach einem Krieg, sondern während des Kalten Krieges stattfand: Reagan und Gorbatschow führten damals in Genf bedeutende Gespräche über das Ende des Kalten Krieges. Das zeigt, dass das Image der Schweiz als 'Supermacht des Friedens' (quasi) bis in die 1980-er Jahre noch bestanden und angehalten hat. Heute herrschen in der Schweiz etwas andere Voraussetzungen: die Schweiz ist nicht mehr eine Insel des Friedens inmitten von schlimmen Weltkriegen und/oder eines grossen Kalten Krieges, sondern sie ist ein Land in einer kleineren oder grösseren Identitätskrise, in welcher die innere Selbstbehauptung ebenso gestiegen scheint, wie die Weltbedeutung der Schweiz gesunken ist (und die aussenpolitische Hauptfrage der Schweiz ist derzeit auch nicht mehr jene nach ihrer Weltbedeutung**, sondern v.a. jene nach ihrer Bedeutung in Europa). Das 20. Jahrhundert war sicher in verschiedenerlei Hinsicht das grösste in der Schweizer Geschichte bisher.

* Ohne den Zweiten Weltkrieg wäre wahrscheinlich der Völkerbund auch heute noch in der Schweiz – ein interessanter aber müssiger Gedanke.

** Man muss dazu anführen, dass es bedeutende diplomatischen Aktivitäten der Schweiz auch heute noch gibt: so vertritt sie etwa in Konfliktregionen teils andere Nationen, und sie ist dabei neutral bzw. so neutral wie möglich. Diese Aktivitäten sind nicht mehr ganz so spektakulär wie früher teils, und darum werden sie auch weniger wahrgenommen heute.



Tagesschausendung der ARD zum Gipfeltreffen von Reagan und Gorbatschow 1985.




Dokumentarfilm 'Albert Einstein' (History Channel, Teil 2/9 [Ganzer Film]).



Kurzdarstellung zur Erfindung des World Wide Webs.

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100 Schweizer Persönlichkeiten. Die bedeutendste Umfrage über die grössten Schweizer Persönlichkeiten stammt von der "Sonntagszeitung" (Januar 2009).

1. Albert Einstein, 2. Gottlieb Duttweiler, 3. Roger Federer, 4. Johann Heinrich Pestalozzi, 5. Henri Dunant, 6. Paracelsus, 7. Nicolas Hayek, 8. Claude Nicollier, 9. Alfred Escher, 10. Leonhard Euler, 11. Friedrich Dürrenmatt, 12. Le Corbusier, 13. Jean-Jacques Rousseau, 14. Mani Matter, 15. Henri Guisan, 16. Max Frisch, 17. Willi Ritschard, 18. Huldrych Zwingli, 19. Carla del Ponte, 20. Niklaus von Flüe, 21. Carl Lutz & Gertrud Lutz, 22. Jean Calvin, 23. Hans-Peter Tschudi, 24. Jean Ziegler, 25. Hans Küng, 26. Maria Bernarda Bütler, 27. Jacob Burckhardt, 28. Karl Barth, 29. Johann Caspar Lavater, 30. Christoph Blocher, 31. Auguste Piccard, 32. Guillaume-Henri Dufour, 33. Johanna Spyri, 34. Hermann Hesse, 35. Emil Steinberger, 36. Albert Hofmann, 37. Jeremias Gotthelf, 38. Carl Gustav Jung, 39. Bernhard Russi, 40. Elisabeth Kübler-Ross, 41. Kurt Furgler, 42. Polo Hofer, 43. Louis Chevrolet, 44. Albrecht von Haller, 45. Jo Siffert, 46. Meta von Salis, 47. Jean Tinguely, 48. Gottfried Keller, 49. Johann Rudolf Wettstein, 50. Jean Rudolf von Salis, 51. Rudolf von Habsburg, 52. Gertrud Heinzelmann, 53. Friedrich Traugott Wahlen, 54. Alberto Giacometti, 55. Robert Walser, 56. Ferdy Kübler, 57. Pirmin Zurbriggen, 58. Cäsar Ritz, 59.Theodor Tobler, 60. Elisabeth Kopp, 61. Ferdinand Hodler, 62. Paul Klee, 63. Vreni Schneider, 64. Robert Grimm, 65. Rudolf Minger, 66. DJ Bobo, 67. Erich von Däniken, 68. Sepp Blatter, 69. Abraham Louis Breguet, 70. Jakob Bernoulli, 71. Ursula Andress, 72. Adrian Frutiger, 73. Jacques Herzog & Pierre de Meuron, 74. Meret Oppenheim, 75. Charles Ferdinand Ramuz, 76. Walter Mittelholzer, 77. Jonas Furrer, 78. Francesco Borromini, 79. Maximilian Bircher-Benner, 80. Fritz Leutwiler, 81. Julius Maggi, 82. Werner Arber, 83. Jean Piaget, 84. Ferdinand de Saussure, 85. Niklaus Wirth, 86. Max Bill, 87. Dieter Meier, 88. Conrad Ferdinand Meyer, 89. Adrian Wettach, 90. Othmar Ammann, 91. Robert Maillart, 92. Carl Spitteler, 93. Adolf Wölfli, 94. Martina Hingis, 95. Franz Schnyder, 96. Niklaus Riggenbach, 97. Auguste Forel, 98. Tadeus Reichstein, 99. Arnold Böcklin, 100. Jean-Luc Godard.

Ich habe ebenfalls eine Liste mit 100 Persönlichkeiten gemacht – in 19 Kategorien (à je 5 Personen, wobei die Schriftsteller 10 Plätze hatten) – und habe folgende weitere Persönlichkeiten in meiner Liste gehabt, die unter den 100 der Umfrage nicht dabei waren: Jakob Ammann, Albert Anker, Daniel Bernoulli, Peter Bieri, Ludwig Binswanger, Eugen Bleuler, Mario Botta, François-Louis Cailler, Blaise Cendrars, Francesco Chiesa, Arthur Cohn, Alain de Botton, Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi, Élie Ducommun, Bruno Ganz, Jeanne Hersch, Franz Hohler, Theodor Kocher, Bernhard Luginbühl, Ludwig Pfyffer, Alfred Rasser, Jost Ribary, Hans Saner, Jörg Schneider, Philipp Albert Stapfer, Teddy Stauffer, Ignaz Paul Vitalis Troxler, Ägidius Tschudi, Adrian von Bubenberg, Hans Waldmann, Ruedi Walter, Dieter Wiesmann, Jean-Claude Wolf (dazu auch die mythologischen Figuren: Walter Fürst, Werner Stauffacher, Wilhelm Tell, Arnold von Melchtal, Arnold Winkelried – der Mythologie habe ich hier eine Kategorie gegeben, da dies in der Schweiz historisch sehr wichtig ist; eine Kategorie habe ich auch der Philosophie gegeben: von meinen fünf Philosophen wurde in der Umfrage keiner genannt [auch irgendwie typisch für die Schweiz], demgegenüber wurden auch verschiedene andere Bereiche gänzlich übergangen, z.B. findet sich kein TV-Moderator oder Medienvertreter in dieser Umfrageliste, oder auch kein Vertreter der Volksmusik, u.a.). Natürlich kommen einem immer noch mehr Persönlichkeiten in den Sinn, die man da vielleicht auch berücksichtigen müsste: gehören nicht ein Adolf Muschg oder ein Hugo Loetscher auch dazu, vielleicht sogar ein Niklaus Meienberg, u.a. (man muss aber auch die Romands und Tessiner berücksichtigen), oder ein Kurt Früh, eine Margrit Rainer und eine Liselotte Pulver, oder ein Hazy Osterwald, ein Toni Vescoli und ein Stress, usw. usf., etc. etc. Interessant ist, dass in der Umfrage nur wenige aktuelle Stars, dafür aber viele frühere bis sogar historische Persönlichkeiten genannt wurden – das ist bzw. war eine relativ verantwortungsvolle Wahl, wie man sie eigentlich so gar nicht unbedingt erwarten würde (in vergleichbaren Umfragen sind oft mehr aktuelle und frühere Show-, TV- und Sport-Stars etwa dabei: wenn das Schweizer Volk bei einer solchen Wahl wirklich so verantwortungsbewusst ist, dann wäre das eine grosse Kulturfreude [und ich hoffe nicht, dass man hier nur Universitätsprofessoren befragt hat, aber ich denke nicht]).

Unter den 100 Persönlichkeiten der Umfrage finden sich auch fünf ausländische Persönlichkeiten: Rudolf von Habsburg ist natürlich kein Schweizer, Klee ist nicht eingebürgert, bei Calvin bin ich mir nicht sicher (er ist in Frankreich geboren), auch Borromini war eigentlich nie ein Schweizer (zu seiner Lebenszeit gehörte das Tessin noch nicht zur Eidgenossenschaft, jedenfalls nicht zum offiziellen Bund), dasselbe gilt auch für Rousseau (geboren im voreidgenössischen Genf). Ich habe bei meiner Liste in Klammern auch je bedeutende ausländische Persönlichkeiten angeführt, die einen bedeutenden Bezug zur Schweiz haben, und ich bin dabei auf folgende Namen gekommen (teils eingebürgert – nur solche, die bis dahin noch nicht genannt wurden): Andersch, Bakunin, Berners-Lee, Brecht, Chaplin, H.B. de Saussure, Dion, Einstein-Maric, Gebser, Hitzfeld, Jaquet-Droz, Lenin, Mann, Marat, Musil, Napoleon, Nestlé, Nietzsche, Pareto, Rappan, Schlachter, Schumacher, Schwab, Sik, Steiner, Sutter, Tumarkin, Tussaud, Walras, Wille. Diese Liste wäre fast beliebig erweiterbar. Die Liste der ausländischen Persönlichkeiten ist für die Schweiz noch einiges beeindruckender als die Liste der inländischen Persönlichkeiten, notabene (wenn man alle dazu nehmen würde: da kommen ja noch Hegel und Herbart etwa dazu, oder Moore und Turner, usw. usf., etc. etc.). Man könnte auch hierzu eine Liste von 100 Persönlichkeiten machen mit hohem internationalem Bekanntheitsgrad, die sehr interessant wäre (vgl. eine umfangreiche Liste dazu). Und mehr als bemerkenswert hier natürlich: dass die Schweizer einen Deutschen, wenn auch eingebürgert, zur grössten Schweizer Persönlichkeit aller Zeiten wählten (oder besser gesagt: einen Weltbürger). Ferner erwähnenswert, dass es von den Rekordbundesräten nach Amtsdauer keiner in die ersten 100 geschafft hat: 1. Karl Schenk (FDP/BE, 1863-1895) 31 Jahre, 2. Adolf Deucher (FDP/TG, 1883-1912), 29, 3. Giuseppe Motta (CVP/TI, 1911-1940) 28, 4. Wilhelm Matthias Naeff (FDP/SG, 1848-1875) 27, 5. Emil Welti (FDP/AG, 1866-1891) und Philipp Etter (CVP/ZG, 1959-1977) je 25, 7. Eduard Müller (FDP/BE, 1895-1919) 24. Das wäre also der All-Time-Bundesrat nach Amtsdauer. Nähme man nach dieser Umfrage die ersten sieben Politiker für einen 'Umfrage-Bundesrat', ergäbe sich folgende (etwas verrückte!) Zusammenstellung: Duttweiler (LdU), Escher (FDP), Matter (JB), Ritschard (SPS), Tschudi (SPS), Ziegler (SPS), Blocher (SVP). Und noch ein etwas spezieller Bundesrat: der erste in der Geschichte der Schweiz (im Bild*, nach der Gründung des Bundesstaates 1848). Oben: Munzinger. Mitte: Ochsenbein, Furrer (Präsident: er schaffte es als einziger Bundesrat des 19. Jahrhunderts in die ersten 100 der Umfrage), Druey. Unten: Franscini, Frey-Herosé, Naeff. Das Bild sagt wahrscheinlich auch einiges aus über den ersten Bundesrat. (Mit diesem Bild möchte ich übrigens nicht irgend eine Verherrlichung der Vergangenheit ausdrücken, auch keine übertriebene Last der Vergangenheit manifestieren, vielleicht eher eine Wertschätzung des Bundesstaates anzeigen, und das ist das Bild, welches einem ganz allgemein zum Thema Bundesrat in den Sinn kommt.)

* Dieses bekannte Bild des ersten Bundesrates hat übrigens ein historisches Vorbild im Gemälde der (sogenannten) Göttinger Sieben des deutschen Malers Carl Rohde, 1837/38 (das waren sieben Göttinger Professoren, welche 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung im Königreich Hannover protestierten). Das Bild vom ersten Schweizer Bundesrat stammt, ohne Angabe eines Verfassers, aus der "Chronik der Schweiz" (1987, vom deutschen Chronik-Verlag). Dies nur als kleine Nebenbemerkung zu diesem Bild. Die Schweizer Bundesstaatsgründung stand zeitlich in einem gewissen Zusammenhang mit Nachwehen der Französischen Revolution des 18. Jahrhunderts in Mitteleuropa, nämlich mit der Julirevolution in Frankreich 1830 und der Deutschen Revolution von 1848/49 (diese steht ebenso für dieses Datum der Schweizer Bundesstaatsgründung wie die Abdankung des [bislang] letzten Königs in Frankreich im selben Jahr 1848: Louis-Philippe I. ['Roi Citoyen']).

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