Gedanken zur Weltpolitik





Politische Reden.

Lyndon B. Johnson, 1965




Second State of the Union (Ausschnitt, 5:07).

Ganze Rede (47:51).
Haile Selassie, 1963




Address to UN (Ausschnitte, 1:50).

Ganze Rede (14:37 [Audio]).
Zwei grosse Reden, die ich hier (unter dem Prädikat 'besonders interessant') etwas herausstellen möchte, aus einer anderen, vergangenen Zeit: aus einer Zeit, die (ganz offenkundig) besser oder leichter war für grosse, positive Ideen und Visionen. Die Zeit des Zweiten Weltkriegs war überwunden und ein neuer Anfang gemacht, auch wenn der Schatten des Kalten Krieges jener Zeit über der Welt lag, aber man konnte von einer 'besseren Welt' zumindest träumen. Man konnte träumen davon, dass nach dem grossen technischen Fortschritt der letzten Jahrhunderte nun ein menschlicher und sozialer Fortschritt in der Welt gelingen könnte. Und es war eine Zeit, in welcher sich der Mensch auf dem Höhepunkt seiner technischen Fortschrittsideologie befand: wenige Jahre später gelang die erste bemannte Mondlandung (1969, und der ökologische Einwand zur technischen Wissenschaft stand eigentlich in jener Zeit noch nicht gross zur Debatte). Lyndon B. Johnson ist für manche oder viele wahrscheinlich der ausdrucksstärkste und interessanteste US-Präsident des 20. Jahrhunderts, Haile Selassie war eine grosse politische Hoffnung Afrikas und der gesamten 'Dritten Welt' (wie man einen Teil der Welt im 20. Jahrhundert nannte: ein Begriff, welcher vielleicht etwas abgegriffen erscheint heute, was aber nicht über die nachwievor grosse ökonomische Ungleichheit in der Welt hinwegtäuschen soll).

Literatur (für alle, die sich für historische Biografien interessieren, je leider nur auf Englisch, glaube ich). Robert Dallek: "Lyndon B. Johnson - Portrait of a President" (2004), Haile Selassie: "My Life and Ethiopia's Progress - The Autobiography of Emperor Haile Selassie I." (1979).




Zusammengestellt habe ich hier berühmte, interessante und/oder bemerkenswerte Reden aus dem 20. Jahrhundert (bis dato). Natürlich nur ein paar wenige aus sehr vielen. Bemerkenswert sind eigentlich nicht die paar wenigen wirklich absolut herausragenden Reden, sondern die Schwierigkeit eigentlich, wirklich gute Reden zu finden. Man muss wirklich suchen, wobei zu sagen ist, dass die Webdokumente hierzu sehr stark auf die US-amerikanische Tradition ausgerichtet sind. Ansonsten findet man recht wenig, v.a. auch im deutschsprachigen Raum. Man könnte meinen, dass in der Zeit des Fernsehens viel mehr grosse Reden als früher stattfinden müssten, aber vielleicht ist das Gegenteil der Fall: vielleicht ist das starke heutige Medienbewusstsein sogar ein Hindernis für wirklich grosse Reden. Jedenfalls: es ist kein Wunder, dass ein begnadeter Rhetoriker wie Barack Obama uns heute fast wie ein kleines Weltwunder erscheint bzw. erscheinen musste, in einer Zeit der eher bescheidenen Reden (und in einer gerade auch in Europa sehr politkritischen Zeit; man hat gerade in Europa heute das Gefühl, dass manche in ihrer teils überrissen erscheinenden Kulturkritik am Liebsten ohne Politik und Politiker und deren Reden leben möchten, wobei sie uns die Antwort schuldig bleiben, wie das genau funktionieren sollte). Manche meinen oder sagen, es brauche gar keine grossen Reden (in der Politik), aber ich bin nicht dieser Meinung. Ich bin der Meinung, dass grosse Reden, wenn sie auch wirklich gut sind, die Weltpolitik durchaus stimulieren können (ist – oder muss man bereits sagen: war – nicht Obama ein Beispiel dafür in dieser Zeit?). Es mag zwar eine recht traurige Behauptung sein, aber ich meine, die Menschen haben noch längst nicht bewiesen, dass sie den Frieden ernst nehmen bzw. gleichermassen ernst wie das Gegenteil davon. P.S. Dass US-Reden bei der Betrachtung des 20. Jahrhunderts etwas herausragen, ist logisch: die USA war auch der führende Weltfaktor dieser Zeit.





Über die Geschichte und Zukunft der Vereinten Nationen.

P.S. Was mein politisches Engagement betrifft, habe ich eigentlich kein 'Weltprogramm' (und nehme auch nicht Stellung etwa zu einzelnen bzw. spezifischen Konflikten und/oder Problemen in der Welt), sondern dieses ist auf die nationale Politik ausgerichtet (und die Schweiz ist ja auch ein neutrales Land). Ein paar philosophisch-politische bzw. allgemeine Gedanken zur Weltgeschichte und -organisation sind aber trotzdem möglich. Ich gehöre zu jenen Menschen, die sich sehr viel von einem internationalen Völkerbund versprechen, wie er mit den United Nations geschaffen wurde. Dies ist einerseits die einfachste und bequemste Grundhaltung zur Weltpolitik, andererseits aber auch ein politischer Ansatz der seine genauen und logischen Wurzeln hat. In letzter Zeit sind im World Wide Web seltsame Verschwörungstheorien bezüglich der Planung gewisser Eliten von der Einsetzung einer elitären bis totalitären Weltregierung aufgetaucht, die offenbar von jenen gehegt und gepflegt werden, die sich ganz im Allgemeinen für Verschwörungstheorien aller Art interessieren. Die eigentliche politische Auffassung solcher Leute bleibt ebenso wie ihre tiefere Motivation in einem schleierhaften Dunkel. Ist es die Angst vor einer übermächtigen Weltregierung? Oder sind es reine Chaoten, die gegen jede Regierung überhaupt sind (was natürlich vollkommen absurd ist, oder wäre)? Oder sind es Nationalisten, die aus nationalistischen Gründen gegen supranationale Organisationen überhaupt sind? Oder sind es ganz einfach Zyniker, die von den wahren Weltproblemen, auch den weltpolitischen Problemen, nichts wissen wollen. Ich weiss es nicht, jedenfalls bewegen mich solche Theorien zu einer Stellungnahme bezüglich der Geschichte sowie dem Sinn und Zweck der Vereinten Nationen. Die Idee dieser Organisation stammt nicht aus den USA, wie man vielleicht meinen könnte, wenn man die Geschichte betrachtet, und die Gründung des Völkerbundes nach dem Ersten Weltkrieg, sondern sie stammt... aus Deutschland, oder besser gesagt: aus dem früheren preussischen Deutschland. Der deutsche Aufklärungsphilosoph Immanuel Kant hat die Idee von einem Völkerbund 1795 veröffentlicht, in seiner kleinen Schrift "Zum ewigen Frieden".

Kant schreibt in dieser Schrift: "Das Völkerrecht soll auf einen Föderalism freier Staaten gegründet sein. [...] Dies wäre ein Völkerbund, der aber gleichwohl kein Völkerstaat sein müsste. [...] So muss es einen Bund von besonderer Art geben, den man den Friedensbund (foedus pacificum) nennen kann, der vom Friedensvertrag (pactum pacis) darin unterschieden sein würde, dass dieser bloss einen Krieg, jener aber alle Kriege auf immer zu endigen suchte." (Immanuel Kant: "Zum ewigen Frieden", 1795).

So viel ich weiss, ist Kant der einzige grosse Philosoph, welche eine solche Idee zu jener Zeit äusserte, so dass man davon ausgehen kann, dass er sie auch begründet hat (zumindest eben in der Weltliteratur). Für Kant war ein solcher Völkerbund die logische Weiterführung der Gedanken über das Völkerrecht von Hugo Grotius 1625. Entstanden ist diese Idee des Völkerbundes vermutlich aufgrund der Tatsache, dass Kant Europa und die Welt damals in nichtendenwollende Kriegswirren verwickelt sah; und er hatte recht: etwas mehr als 100 Jahre später folgten die beiden schlimmen Weltkriege, welche 1920 eben die Gründung des Völkerbundes und 1945 die Gründung der Vereinten Nationen zur Folge hatten. Vermutlich ist diese Begründung der Völkerbundidee sogar auch (was eigentlich recht selten erwähnt wird!) die grösste Leistung Kants in der praktischen Philosophie. Jedenfalls: die Idee, für welche der damalige US-Präsident Wilson bekannt wurde, stammt ursprünglich also von Kant. Nach beiden Weltkriegen sah die Welt ein, dass es so, d.h. mit einer dermassen ungeordneten und chaotischen Weltpolitik, nicht mehr weitergehen kann in der Zukunft. Besonders klar war dies auch nach dem grossen Schrecken durch die ersten Atombombenabwürfe 1945, nach dem sowieso schon überaus schlimmen Zweiten Weltkrieg. Treffend beschrieben hat die damalige Motivation zu einem Ausbau des Völkerbundes, und die damit verbundenen Hoffnungen, der deutsch-schweizerisch-amerikanische Physiker Albert Einstein, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, welcher etwa auch vom Time-Magazin zur 'Person Of The Century' bestimmt wurde.

"As I see it, this is the way for the nations of the world to break the vicious circle which threatens the continued existence of mankind, as no other situation in human history has ever done. We are caught in a situation in which every citizen of every country, his children, and his life's work, are threatened by the terrible insecurity which reigns in our world today. The progress of technological development has not increased the stability and the welfare of humanity. Because of our inability to solve the problem of international organization, it has actually contributed to the dangers which threaten peace and the very existence of mankind. [...] If [...] every citizen realizes that the only guarantee for security and peace in this atomic age is the constant development of a supra-national government, then he will do everything in his power to strengthen the United Nations. It seems to me that every reasonable and responsible citizen in the world must know where his choice lies. [...] The United Nations now and world government eventually must serve one single goal: the guarantee of the security, tranquillity, and the welfare of all mankind." (Albert Einstein: 'To The General Assembly Of The United Nations', 1947).

Wenn solche Weltregierungsverschwörungstheoretiker etwa Bush und Gorbatschow zusammen zitieren, punkto einer Verwicklung in eine solche Verschwörungstheorie, was eigentlich schon abstrus genug ist, dann müssten sie auch noch Einstein und Selassie (und Kant?), u.v.a., einbeziehen, und dann wird die Sache immer noch abstruser. Aber: wie auch immer. Da die Voraussetzungen in der Weltpolitik trotz der Beendigung des Kalten Krieges in den früheren 1990-er Jahren sich nicht wesentlich verändert haben – es gibt noch immer grosse (wenn vielleicht auch ein bisschen anders strukturierte) Konflikte, und es gibt noch immer die selben schlimmen (oder sogar noch schlimmere) Waffen – wäre eine Verwerfung der Institution der Vereinten Nationen als verwerflich zu betrachten. Es spricht sicher auch wenig bis gar nichts dagegen, dass es einen Sammelpunkt der internationalen Diskussion zwischen den Völkern und Staaten gibt. Diskutieren kann man natürlich immer über die institutionelle Ausgestaltung einer solchen Organisation und eben auch darüber, welche Rolle genau sie haben soll, z.B. zukünftige Weltregierung oder nicht? Ohne mich auf die Äste hinauszulassen, schliesse ich die Möglichkeit einer Weltregierung durch die Vereinten Nationen nicht aus. Eines der Probleme einer solchen Weltorganisation ist sicher, dass darin zu einem grossen Teil Elitevertreter Einsitz nehmen, was aber nicht eigentlich das Problem dieser Organisation ist, sondern ein Problem der entsprechenden Staaten und ihrer Organisation, inkl. der Vertretung, welche sie zu den Versammlungen der Vereinten Nationen schicken (das Problem einer elitären Regierung besteht natürlich nicht nur in den nicht-demokratischen, sondern auch in den demokratischen Staaten, notabene; es lässt sich wohl auch nicht gänzlich vermeiden, da jede Classe Politique bzw. jedes politische Beamtentum, auch das demokratische, zur Bildung einer gewissen politischen Elite führt [mehr oder weniger]). Und es wäre eine helle Freude, wenn die Staaten der Menschen ohne eine Weltorganisation zu einem vernünftigen Zusammenleben gelangen könnten, leider aber scheint die Geschichte bereits das Gegenteil bewiesen zu haben. Wie beim Umweltschutz handelt es sich bei der Organisation der Vereinten Nationen um eine Sache, welche notwendig geworden ist aufgrund von globalen Missverständnissen und schlimmen weltpolitischen Fehlkalkulationen. Die Sache der Vereinten Nationen verbunden mit Verschwörungstheorien in geheimbündlerische Kreise verwickelt zu sehen, ist auch schon rein deswegen ziemlich absurd, weil die Vereinten Nationen ja nun wirklich nicht im Geheimen tagen, sondern: das ist eine weltpolitische Organisation, welche seit fast 100 Jahren im Licht der Weltöffentlichkeit steht – und da gibt es wenige bis gar keine Geheimnisse an dieser Sache (jedenfalls nicht mehr als bei anderen Organisationen jeglicher Art auch). Eigentlich müsste man auf solche Theorien gar nicht allzu gross eingehen, da diese aber im Web derzeit Hochkonjunktur haben, habe ich das trotzdem einbezogen in diese Diskussion um die Weltorganisation der Vereinten Nationen.

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Aufklärung




Ganze Serie:

Es war einmal... der Mensch.
Trickfilmserie.
Parlamentarismus




Ganzer Film:

Das grosse Palaver.
Dokumentarfilm (44:16).
Demokratie




Ganzer Film:

Why Democracy – Please Vote For Me.
Dokumentarfilm (52:06).




Vom Revolutionsbegriff in der Weltpolitik.

Am Anfang unserer heutigen, spätmodernen Gesellschaft steht eine Revolution, auch wenn man sich daran eigentlich kaum mehr erinnert. Es war im 18./19. Jahrhundert die Revolution des Bürgertums gegen die althergebrachte Drei-Stände-Ordnung im absolutistischen Mittelalter. Das ist DIE REVOLUTION, nämlich die erste, eigentliche und relevante allgemeine (Welt-) Revolution (bzw. weltgeschichtliche Revolution) der einfachen Menschen gegen unzulängliche absolutistische Regierungen (es mag gewisse Erhebungen des Volkes zu allen Zeiten der Geschichte gegeben haben, aber keine davon hatte die Grösse und Bedeutung dieser Bürgerrevolution, die ihren Anfang in Frankreich hatte). Als sich im Jahr 1989 das klassische Revolutionsdatum von 1789 (Sturm auf die Bastille) zum 200. Mal jährte, dachte niemand daran, dieses Datum irgendwie in Ehren zu halten oder zu feiern. Man hat die Revolution in der heutigen Wohlstandsgesellschaft ganz offenkundig vollkommen vergessen. Gerade heute werden wir durch soziale Erhebungen im arabischen Raum teils wieder an revolutionäre Gedanken erinnert; das war aber schon im 20. Jahrhundert der Fall: mit der ganzen kommunistischen Revolution in Russland, die gewisse Auswirkungen in ganz Europa hatte (auch in der Schweiz), und später mit den revolutionären Aufständen der Anti-Kommunisten in einigen kommunistischen Ländern (etwa in Ungarn 1956 oder in der Tschechoslowaki 1956: diese Ereignisse hatten indessen wenig Wirkung auf das allgemeine Empfinden im Westen). Es erscheint mir relativ wichtig, noch einmal zu rekapitulieren, wie unsere heutige, spätmoderne Gesellschaft entstanden ist. Dass die grosse Bürgerrevolution gerade in Frankreich stattgefunden hat, ist nicht weiter erstaunlich, regierte dort doch mit dem Sonnenkönig Louis XIV. (1638-1715) jener Herrscher, welcher den alten Absolutismus im früheren Europa vielleicht am Stärksten übertrieben hat. So entwickelten die französischen Philosophen der Aufklärung (Bayle, Voltaire, Montesquieu, Rousseau, Diderot, D'Alembert), aufbauend auf einer neuen Interpretation vielleicht vom Humanismus der Renaissance (Pico della Mirandola, Erasmus von Rotterdam, u.a.) und der Antike (Protagoras und nachfolgende Klassik) neue humanistische Ideale und Forderungen, die wie noch nie zuvor in der Philosophie letztlich auf die Politik zielten. Das Geistesleben in Frankreich konnte den alten Absolutismus, in der Form, wie man ihn gesehen hat, nicht mehr dulden. Daraus entstand diese französische Bürgerrevolution, die später zu einer europäischen Bürgerbewegung wurde, die sich auf dem gesamten Kontinent durchsetzte.

Ein paar Zitate zur französischen Bürgerrevolution (u.v.a.). "Une chose n’est pas juste parce qu'elle est loi; mais elle doit être loi parce qu'elle est juste." (Charles de Montesquieu, 1689-1755). "Un jour, tout sera bien, voilà notre espérance. Tout est bien aujourd’hui, voilà l’illusion." (Voltaire, eigentlich François Marie Arouet, 1694-1778). "L'homme est né libre, et partout il est dans les fers." (Jean-Jacques Rousseau, 1712-1778). "Pour enchaîner les peuples, on commence par les endormir." (Jean-Paul Marat, 1743-1793). "Il ne peut y avoir ni vraie liberté ni justice dans une société si l'égalité n'est pas réelle." (Marie Jean Antoine Nicolas Caritat, Marquis de Condorcet, 1743-1794). "La Loi doit être l’expression de la volonté générale; toutes les Citoyennes et Citoyens doivent concourir personnellement ou par leurs représentants, à sa formation." (Olympe de Gouges, 1748-1793). "Gardez-vous de demander du temps; le malheur n'en accorde jamais." (Honoré Gabriel Victor de Riqueti, Marquis de Mirabeau, 1749-1791). "True republicanism is the sovereignty of the people. There are natural and imprescriptible rights which an entire nation has no right to violate, just as national sovereignty is above the secondary agreements of the government." (Marie-Joseph Paul Yves Roch Gilbert du Motier, Marquis de La Fayette, 1757-1834). "L'histoire est, dit-on, le bréviaire des rois; à la manière dont les rois gouvernent, on voit bien que leur bréviaire ne vaut rien; l'histoire, en effet sous son rapport scientifique, n'est pas encore sortie des langes de l'enfance." (Henri de Saint-Simon, 1760-1825). "Le coeur grossier de la prospérité ne peut comprendre les sentiments délicats de l'infortune." (François-René, Vicomte de Chateaubriand, 1768-1848). "Wir glauben an ein grosses, gemeinsames Werk der Menschheit, zu welchem das einzelne Staatenleben nur die Vorarbeiten liefert, an eine auch äusserliche Vollendung der menschlichen Dinge am Ende der Geschichte." (Friedrich Christoph Dahlmann, 1785-1860). "La Révolution française est le plus puissant pas du genre humain depuis l'avènement du Christ." (Victor Hugo, 1802-1885). "Quand l'inégalité est la loi commune d'une société, les plus fortes inégalités ne frappent point l'oeil; quand tout est à peu prés de niveau, les moindres le blessent. C'est pour cela que le désir de l’égalité devient toujours plus insatiable a mesure que l'égalité est plus grande." (Alexis de Tocqueville, 1805-1859). "Die Schritte der Menschheit sind langsam. Man kann sie nur in Jahrhunderten messen." (Georg Büchner, 1813-1837). Dies gilt, wie wir in manchem erkennen können, wohl auch für unsere heutige Zeit, wie schnelllebig sie oberflächlich betrachtet auch immer erscheinen mag.

Der Weg dazu war aber steinig und mühsam: in Frankreich selber gab es zuerst einmal einen Umweg über neue Absolutismen, mit Robespierre und Napoleon, dem 'bürgerlichen Kaiser' (erst 1848 dankte der letzte französische König ab: Louis-Philippe I. ['Roi Citoyen']), und die meisten europäischen Staaten lösten sich erst nach dem Ersten oder sogar erst nach dem Zweiten Weltkrieg vom alten absolutistischen System (anders verlief die Entwicklung in den USA, wo der Unabhängigkeitskrieg und die Unabhängigkeitserklärung bereits 1787 zu einer ersten dauerhaften republikanisch-demokratischen Verfassung führte). Und in Osteuropa kam das Ende des politischen Absolutismus sogar erst nach dem Zusammenfall des realexistierenden Kommunismus in den früheren 1990-er Jahren. In Osteuropa gab es eine andere Revolution: jene des Kommunismus. Der Fehler dieser Revolution lag wohl darin, dass sie nicht über die Bildung eines freiheitlichen Bürgertums verlief, sondern über ein kommunistisches System, in welchem die Menschen nie frei waren, d.h. Mit- oder sogar Selbstbestimmung besassen, so dass das alte Zarensystem in Russland ersetzt wurde eben durch ein absolutistisch-kommunistisches System. Im Westen bzw. in Frankreich war ja mit Napoleon (u.a.) etwas ähnliches passiert, auch hier entstand zuerst eine neue Form eines absolutistischen Systems, welches aber langfristig ebenfalls keine Chance hatte (wie auch spätere Versuche, neue absolutistische Systeme zu begründen, nicht). Die Entwicklung in Europa zur bürgerlich-demokratischen Gesellschaft, wie wir sie heute kennen, war nicht aufzuhalten. Im Westen gab es im Allgemeinen seit der Bürgerrevolution keine Revolution mehr: hier entwickelte sich ein moderater Sozialismus, der zwar seine Mitbestimmung forderte, nicht aber auf eine eigentliche Revolution zielte (abgesehen von ein paar kommunistischen Scharmützeln, die es auch hier gab, die letztlich aber keine allzu grosse Wirkung hatten). Die sozialistische Bewegung formte aber die heutige Gesellschaft wesentlich mit: die (sogenannt) utopischen Sozialisten hatten die sozialen Zustände beklagt und Marx postulierte das Bestehen von zwei verschiedenen Klassen in der aufgekommenen Bürgergesellschaft – jene der besitzenden Bourgeoisie (oder gehobenen Klasse) und jene der besitzlosen Arbeiterklasse. Die Kritik von Marx führte dazu, dass wir heute, auch und v.a. in der Politik und deren ideologischen Auseinandersetzungen, von den 'Bürgerlichen' reden und von den Anderen (Linken). Ich bedauere diese Spaltung in der Bürgerbewegung, und finde das nicht richtig. Die Bürgerrevolution war eine gemeinsame Bewegung eines gesamten Bürgertums, und sie wird durch eine solche Spaltung verschandelt. Marx machte gewisse Fehler in seiner Bewertung dieser alten Bürgerbewegung, und es hätte geschicktere Wege gegeben, die Missstände und Fehlentwicklungen in der bürgerlichen Bewegung zu kritisieren. Marx war zu radikal (verständlich vielleicht durch das Elend, welches er gesehen hatte, aber letztlich nicht nützlich). Hätte er sich an den alten Idealen der Bürgerrevolution orientiert – der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit – hätte er aus diesen Idealen heraus argumentieren können, was er aber nicht gemacht hat, sondern: er hat das Bürgertum als solches attackiert. Das Resultat davon haben wir nun gesehen, und dabei war der osteuropäische Kommunismus nicht einmal das Schlimmste; viel schlimmere Auswirkungen noch zeitigten kommunistische Bewegungen in Dritt-Welt-Staaten, exemplarisch etwa in Kambodscha, mit Pol Pot, dem Führer der Roten Khmer (welcher tragischerweise in Paris studiert hatte, an der Stätte der bürgerlichen Revolution). Für mich zeigen diese Beipiele, dass eine neue oder andere Revolution kein Weg ist. Die Revolution hat bereits stattgefunden, und sie ist in den demokratischen Gesellschaften von heute für mich daher nicht ein aktuelles, sondern: ein historisches Thema. Es geht in diesem Sinn nicht um eine neue Revolution, sondern es geht darum, wie gut die alte Revolution, die hinreichend ist oder wäre, umgesetzt ist bzw. wird. Ich bin aber der Meinung, dass man wieder von dieser (alten) Revolution reden sollte. Man darf sie nicht vergessen, und man muss schauen, ob man noch auf dem richtigen Kurs ist. Man muss die Bürgergesellschaft immer wieder überprüfen auf ihren Umgang mit ihren alten Werten, eben der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit (d.h. es gibt keine Freiheit ohne Gleichheit, und es gibt keine Gleichheit ohne Brüderlichkeit, und es gibt keine Brüderlichkeit ohne Freiheit). Man vermisst diesbezüglich heute vielleicht eine selbstkritische Einschätzung des Bürgertums (gerade das Bürgertum müsste ja unzufrieden sein, wenn die heutige Gesellschaft in gewissen Punkten nicht dem entspricht, was man sich eigentlich anfangs vorgenommen hatte, in einer Revolution, die eigentlich bereits auf eine klassenlose Gesellschaft zielte, notabene: eine von oben herab gepredigte Bürgerlichkeit ist daher etwas im Grunde sehr unverständliches, und man muss doch eine Bürgerlichkeit fordern, die auf einem gewissen Boden von einer allgemeinen Menschenvernunft steht). Das scheint mir noch wichtiger, als diese Werte von Anderen zu fordern. Das Ziel der Bürgergesellschaft diesbezüglich müsste sein, durch Leistung, Güte und Gerechtigkeit als erstrebenswertes Gesellschaftsmodell für Andere auch zu erscheinen.

P.S. Ich möchte mit diesem Artikel gar nicht das Königtum an und für sich verdammen, denn es ist durchaus ein Königtum denkbar, welches das Volk will und wünscht. Wir sehen dies ebenso wie die Problematik davon in der biblischen Geschichte. Ein guter König kann besser sein als ein schlechtes Volk. Das grösste Problem eines Königtums ist aber die Nachfolge: auf einen guten König folgen fast zwangsläufig auch schlechtere, welche das Land ruinieren können, und ein Volk, welches eine einigermassen geordnete Demokratie aufgerichtet hat, möchte kaum zu einem Königtum (oder irgend einer anderen Form eines absolutistischen Systems) zurückkehren (dass ein solches wieder aufkommen kann in einer Demokratie, wenn die Ordnung zerfällt, das hat man auch schon gesehen). Die demokratischen Systeme zu erschaffen war gewiss schwierig, sie zu erhalten, zu sichern und zu verbessern ist auch nicht einfach, und eine grosse Aufgabe der Politik der Zukunft (nie darf man denken, die Herrschaft des Volkes sei für alle Zeiten gesichert, oder sei irgendwie perfekt, allweise und abgeschlossen).

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